Ich bin zu spät aufgestanden, als dass ich Petrichor auf dem Weg ins Büro hätte riechen können. Obwohl, eigentlich war es andersherum: Der Regen hatte am Mittwochmorgen zu früh eingesetzt, um mich auf dem Rad mit dem Geruch von frisch gefallenem Regen auf trockene Erde zu verwöhnen. Manchmal gibt es neben den beiden offensichtlichen Polen noch eine dritte Möglichkeit: Der Boden war noch nicht wieder trocken genug für Petrichor.
So nennt man jenen Geruch, der entsteht, wenn Regen erst zaghaft nach einer längeren Trockenperiode fällt. Es sind Öle von Pflanzensamen, die sich insbesondere auf Steinboden während längerer Phasen ohne Regen angesammelt haben und die sich in Aerosole auflösen, wenn es endlich wieder nieselt, tröpfelt, regnet und schließlich schüttet.
Auf meinem Heimweg am Sonntag von Garching hatte ich zeitweise diesen Geruch in der Nase, der Erlösung verheißt: Das Ende der Trockenphase, die lang erwartete Abkühlung, die natürliche Reinigung staubiger Straßen und Wege. Petrichor sollte für den Radler aber auch Warnung sein.
Denn es liegen auf trockenen Straßen nicht nur feine Ölfilme, die sich alsbald auflösen, sondern auch Blütenpollen, Blätter oder andere organische Hinterlassenschaften. Die werden gerne schmierig und besonders in Kurven ist Achtsamkeit erfordert, um nicht auf dem nassen Blütenstaub wegzurutschen.
Als Sicherheitsbeauftragter habe ich gelernt, dass man auch Beinaheunfälle melden soll, damit potenzielle Gefahrenquellen beseitigt werden können oder die Vorsicht in bestimmten Situationen an bestimmten Orten die Regie über das Handeln übernimmt.
In einer Ecke der Gemeinde Gröbenzell bin ich bei nasser Straße mal in der Kurve auf einem solchen organischen Film weggerutscht. Ich weiß nicht mehr, wie es mir gelang, das Fahrrad wieder ins Gleichgewicht zu bringen ohne dass es mich abgeworfen hätte, aber dafür musste ich den Gegenverkehr kreuzen, in dem sich eben ein Lieferwagen meiner Beinaheunfallstelle näherte.
Mein Glück: Es handelte sich um einen verkehrsberuhigten Bereich, in den ich nicht wirklich einbog, sondern in den ich schlitterte. Der Lieferwagen war indes nur mit Schrittgeschwindigkeit unterwegs, so wie es sich gehört. Schrittgeschwindigkeit bedeutet übrigens nicht das Tempo, in dem Usain Bolt bei seinem 100-Meter-Weltrekord im Berliner Olympiastadion die Ziellinie überschritt, sondern höchstens 5 bis 8 km/h. Vermutlich musste der Lieferwagenfahrer nicht mal auf die Bremse tippen, sondern sie nur anhauchen, um binnen Zentimetern zum Halt zu kommen. Selbst bei einem Sturz wäre ich mit dem Fahrzeug nicht kollidiert.
Mir blieb nach Stabilisierung des Rades nur noch, die Hand zum Dank zu heben, mich am Lieferwagen vorbei zu quetschen und den Rest der verkehrsberuhigten Straße langsam entlang zu rollen. Seither bremse ich an der Ecke, an der der Baum, auf dessen Hinterlassenschaften ich beinahe verunfallt wäre zum Glück immer noch steht, bevor ich in die Straße einbiege. Selbst dann, wenn es trocken und keine Spur von Petrichor in der Luft ist.
Stadtradelnkilometer bisher: 545,15
Gesamtkilometer bisher: 2.624