3. Oktober, da muss es Weißwürste geben. Für mich sind diese eine Art von Winteressen, und obwohl auch heute noch so etwas ähnliches wie Sommer ist, beginne ich die Saison mit einem gemütlichen Weißwurstmittagessen.
Die Tradition, dass die Brühwürste das Zwölf-Uhr-Läuten nicht hören sollten, erinnert an die Zeiten vor Erfindung des Kühlschranks. Auch heute würde ich rohe Würste noch am gleichen Tag verzehren, aber meist bekommt man beim Metzger gebrühte, die locker noch einen Tag bei 8 Grad Celsius im untersten Kühlfach durchhalten.
Ideales spätes Mittagessen für einen Feiertag, an dem man nachmittags nicht mehr viel vorhat, denn ich bevorzuge eine 4-3-2-1-Aufstellung, die man im Fußball als „Tannenbaumsystem“ bezeichnen würde: Vier Weißwürste, drei Weißbier, zwei Brezen und einen Schnaps – am liebsten Obstler.
Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, der sein Datum einer Entscheidung der letzten – und erstmals freigewählten – Volkskammer der DDR im August 1990 verdankt, ist an sich ein Tag, an dem es landauf, landab Würste geben sollte. Denn das mag das Einzige sein, was die Deutschen jenseits der Sprache kulturell zusammenhält: die Liebe zur Wurst.
Im Norden etwa, wo heute in Bremen die zentrale Feier steigt, sind Bockwürste angesagt. In Thüringen lange und schmale Bratwürste, mit reichlich Majoran gewürzt. In Franken sind die Bratwürste etwas kürzer und nicht nur in der Pfalz sind Blut- und Leberwürste sehr beliebt. In Bayern ist es die Weißwurst, die manchmal schon zum Frühstück auf den Teller kommt. Was gibt es also deutscheres als die Wurst?
Vorsicht: Trotz der Legende, die Weißwurst sei an einem Faschingsdienstag nahe des Münchner Marienplatzes aus Materialmangel erfunden worden, ist die weiße Wurst, die eher gebrüht als gebraten wird, eher eine französische Erfindung, wie auch andere Würste das sind. So wie auch das Sauerkraut. Wobei man über dessen elsässische Herkunft geteilter Meinung sein kann: Französisch? Deutsch? Mitteleuropäisch? Oder hat man schon weit früher in ganz anderen Weltgegenden Weißkohl fermentiert? Ach ja: Und die Kartoffel ist ein Immigrant aus Südamerika, selbst wenn sie in Preußen weit mehr als ein Jahrhundert vor Errichtung eines deutschen Nationalstaates erstmals ernsthaft als Nahrungsmittel kultiviert wurde.
Die Deutschen müssen also stark sein: Nichts, was sie als nationale Kultur begreifen, ist wirklich national. Es ist regional, überregional, international – schon immer gewesen.
Im Leid der Deutschen geht es aber mehr als um die Wurst.
Leid der Deutschen
Eine gewisse Bräsigkeit
Die wohnt dem Deutschen inne
Singt von Recht und Einigkeit
Doch stehen ihm die Sinne
Nach der Freiheit, das zu tun
Was ihm und allen schadet
So sieht man ihn ungern nun
Wie er in Selbstmitleid badet
Mit all seiner Leidenschaft
sehnt er herbei das Ende
versteht keine Wissenschaft
Sieht auch keine Zeitenwende
Es war doch schon immer so
und so muss es auch bleiben
Ist insgeheim doch sehr froh
darf er still alleine leiden
Einst war es Geist und Erfindertum
Mit Effizienz als scharfer Würze
Was machte aus des Deutschen Ruhm
Bis er die Welt ins Unglück stürzte
Nahm er Lehre aus dem tiefen Fall?
Oder gab er das nur vor?
Höllenhunde warten überall
Bewaffnet mit dickem Eisenrohr
Benutzen die Flagge von Wirmer
Ohne zu wissen, von wem die kam
Lesen in Opas zerfleddertem Stürmer
Zitieren begeistert ohne Scham
Ihre Frauen sperren sie im Hause ein
Wie‘s die Alten schon getan
Die sollen damit zufrieden sein
Wehe, ein Ali schaut sie schräg an
Sind die Völkischen allein das Volk?
Nein, sie besudeln schwarzrotgold
Sind drauf auch noch stolz
Zu besudeln schwarzrotgold
Holen wir uns zurück
Die Farben der Republik
Ist’s Deutsche Mutlosigkeit, die uns hindert
zurückzuholen die Farben der Republik?
Der Weltschmerz sei gelindert
Mit einem raffinierten Trick
Schwarzrotgold – war das Hambacher Fest
Und die Uniform von Lützows Corps
Wenn man Nazis diese Farben lässt
bleibt nichts mehr wie zuvor
Zur Gegenwehr ist es nie zu spät
Das ist doch unser aller Land!
Wenn sich Hass mit Macht vermählt
Ist der Ausgang wohlbekannt
Denn sie wollen, dass wir vergessen
Wann werden wir verstehen?
Sie sind davon besessen
Solch’ Verbrechen erneut zu begehen
Deutscher Michel, was denn nun?
Vor was hast du Angst?
Es lässt sich vieles tun
alles, was du kannst
Bleib nicht länger mehr verzagt
Sei mutig wie noch nie
Nur wer alles wagt
Rettet Demokratie

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