Ich frage mich manchmal, warum man von Kraftfahrzeugen spricht. Die meiste Zeit stehen sie herum, nicht alle in einer Garage, auf einem festen Stellplatz oder dem Firmenparkplatz, sondern auf öffentlichem Grund, also dem Straßenrand. Das macht manche Straßen zu De-Facto-Einbahnstraßen, denn an den links wie rechts parkenden Autos kommt kein Auto an einem Radler vorbei, geschweige denn zwei Autos aneinander im Begegnungsverkehr.
In einer Einbahnstraße in Lochhausen schließlich geht gar nichts mit überholen, wenn ich da mit dem Radl unterwegs bin. Nicht einmal, wenn ich mit den Reifen am rechten Bordstein entlang schleifen würde, anstatt die geforderten 80 cm Abstand einzuhalten. Klar, nach der Engstelle werden die Autofahrer ungeduldig, und wollen noch schnell vor der Kurve überholen. Aber wenn da schon etwas entgegen kommt, dann bricht man das Überholmanöver nicht ab, sondern kommt dem Radler nahe, sehr nahe. Ich schätze, das waren heute eher 15 cm als die geforderten 1,5 m.
Ob der Fahrer meine Geste verstanden hat, so er sie im Rückspiegel noch sah? Den Mittelfinger bestimmt, den Scheibenwischer auch, aber die Geste mit dem drei Zentimeter über dem Daumen gehaltenen Zeigefinger? “So knapp!” drücke ich damit aus, nehme aber in Kauf, dass der Fahrer (Gendern bewusst vermieden) das auch anders interpretieren könnte.
Das mutmaßliche Kompensationsobjekt, das mich so knapp überholte und damit massiv gefährdete, war ein schwarzer Tesla. Womit mal wieder bewiesen wäre: Auch in Elektrofahrzeugen sitzen Menschen, die charakterlich nicht in der Lage sind, am Straßenverkehr teilzunehmen. Das hängt gewiss nicht von der Marke ab, ein Aufkleber “I bought this, before Elon went crazy” würde da auch nicht helfen.
Bitte keine Missverständnisse: Mir gefallen Elektroautos und Tesla hat mit seinen Fahrzeugen gezeigt, dass die Dinger auch schön und cool sein können, weswegen dem Verbrenner niemand eine Träne wird hinterher weinen müssen. Aber auch sie können Radfahrer wie Fußgänger gefährden und stehen meist nutzlos in der Gegend herum.
Der Elektromotor ist dem Verbrenner bei Weitem überlegen, was die Effizienz betrifft. Das Fahrvergnügen leidet auch nicht, ganz im Gegenteil, es ist ein großer Spaß, wenn das volle Drehmoment der Maschine sofort zur Verfügung steht und nicht erst bei hohen Drehzahlen. Das Problem der Reichweite ist mittlerweile auch kein großes mehr, hat aber zu Beginn des Automobilzeitalters dem schon damals überlegenen Elektromotor vorerst den Garaus gemacht. Benzin und Diesel haben nun mal eine sehr hohe Energiedichte und sind für längere Strecken weit einfacher mitzunehmen als Elektrospeicher.
Wenn es zur Jahrhundertwende von 19ten zum 20sten schon Lithium-Eisen-Phosphat-Akkus gegeben hätte, wäre die Sache anders ausgegangen. Erzählungen über Bertha Benz, die bei ihrer ersten Ausfahrt den Treibstoff in der Apotheke kaufen musste, würden die Menschen heute mit Kopfschütteln hinnehmen: “Hatten die keine induktiven Fahrbahnen oder wenigstens Ladesäulen?”
Der Verbrenner hat keine Zukunft, ich fürchte aber, dass die Elektrofahrzeuge, die in zehn oder zwanzig Jahren die überwiegende Mehrheit auf den Straßen stellen, noch breiter, noch länger, noch höher als heute sein werden. Wegen der Reichweitenangst und dem daraus folgenden Bedarf an großen und noch größeren Akkus. Wegen der irren Idee, dass nur viel Leistung viel hilft. Wegen der Bequemlichkeit in großen Fahrgasträumen. Keine guten Aussichten für Radler.
Ich versuche daher, Autostraßen zu vermeiden, das gelingt leider nicht immer. Vom Büro nach Hause bin ich dann aber durch das Kapuzinerhölzl und später die Aubinger Lohe gefahren. So schön, ohne Autos.
Stadtradelnkilometer 2026 bisher: 581,63
Gesamtkilometer 2026 bisher: 2.660