Der Autofahrer, der den mit Warnblinkern abgestellten Bus zu passieren gedachte, konnte mich nicht hören. Ich murmelte auch eher selbst vor mich hin „Wage es nicht!“ – und da ich von hinten ein weiteres Fahrzeug sich nähern hörte, das sich in meinen schlimmsten Vorstellung zwischen dem Bus und mir vorbei quetschen würde, murmelte ich noch ein „Und du auch nicht!“ hinterher.
Ob es geholfen hat, ist einerlei, der erste Autofahrer sah mich kommen – unmittelbar vor meinem Stoßmurmler hatte ich in der Allee vor dem Obermenzinger Campingplatz das Licht eingeschaltet – und sah von seinem Manöver ab, der zweite wartete die Passage am Bus und der kurzen Schlange dahinter ab und überholte mich erst dann mit gebührendem Abstand, noch vor der Ampel. An der stand, ebenso in Gegenrichtung, ein weiterer Bus mit Warnleuchten. Dann war mir wieder klar, dass es 17.51 Uhr sein musste.
München stand eine Minute still, zumindest Busse und Bahnen und die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung am Olympia Einkaufszentrum (OEZ), wo exakt zehn Jahr zuvor zu dieser Uhrzeit ein Rassist neun migrantisch gelesene Menschen erschoss und wenig später sich selbst. Ganz München stand still, nur nicht der Autoverkehr und nicht einmal der Radler, der es an sich hätte wissen müssen.
Dabei hatte ich für den Heimweg aus dem Büro noch eine etwas längere Route ausgewählt, weit am Gedenkort vorbei, um etwaigen Verkehrsbehinderungen zu entgehen. Vor zehn Jahren war ich auch am OBC vorbei geradelt, vom damals in der Parkstadt Schwabing gelegenen Büro. Ich hatte, da es Freitag war und die Arbeit der Woche längst getan, halbwegs pünktlich Schluss gemacht und war fast zwei Stunden vor den Schüssen fast einen Kilometer davon entfernt unterwegs. Es hatte auch gerade zu nieseln begonnen, stärkere Niederschläge nicht ausgeschlossen, so beeilte ich mich ein wenig.
Die Niederschläge kamen dann, als ich längst daheim war. Und die beunruhigenden Nachrichten wie Tiefschläge auf das iPhone. Unklare Lage. Panik. Stadt voller Polizei. Schüsse. Tote. Terror. Islamismus? Alle Busse und Bahnen stehen still, auf den Ein- und Ausfallstraßen stoppt die Polizei Autos und wohl auch Radfahrer – weiß ich nicht, ich war ja schon daheim.
Eine sonst so gelassene Stadt war urplötzlich in Panik geraten und auch dann noch lahm gelegt, als sich der rassistische Einzeltäter eine Kugel in den Kopf gejagt hatte. Das war sogar noch vor Social Media, erklärte der damalige Sprecher der Münchener Polizei Marcus da Gloria Martins letztens der SZ. Seine Erklärung für das Verbreiten der Massenpanik: Whatsapp, was man an sich beinahe als Social App bezeichnen könnte.
In meiner Erinnerung haben die „neuen Medien“, seien sie Websites und ihre Liveticker, Social Media oder was auch immer, an jenem Abend mehr oder minder versagt. Einerseits waren die Seiten unter der großen Last teilweise gar nicht mehr erreichbar, andererseits ergingen sie sich in wüsten Spekulationen. Nur die seriöseren unter ihnen bezeichneten diese Ungewissheiten auch als solche.
Die besten Informationen hatte das Radio, speziell der Bayerische Rundfunk. Wie es der Zufall wollte, war Richard Gutjahr in der Nähe und konnte akkurat und live über die Geschehnisse berichten. Und bei einem UKW- oder DAB+-Sender ist es egal, wie viele Leute gleichzeitig das Endgerät eingeschaltet haben, da bricht kein Stream zusammen. Nur manchmal die Telefonverbindung des Reporters zum Funkhaus.
Dass Gutjahr, der zufällig auch ein gutes Jahr zuvor beim Attentat von Nizza in der Gegend war zum Opfer widerlicher, rechtsnationaler Hetze in den asozialen Medien wurde und sein Funkhaus ihn nur unzureichend vor den Angriffen dummer und bösartiger Menschen schützte, sollte man auch nicht vergessen.
Ebenso wenig wie man vergisst, wo man zu solchen Daten wie dem 22. Juli 2016 um 17.51 Uhr war. Der Kollege Matthias Lange konnte die halbe Nacht nicht wieder raus aus der Stadt, fand aber, wie so viele an jedem Abend, Menschen, die nicht vergaßen, was unsere Spezies eigentlich ausmacht. Menschen, die solidarisch waren. Menschen, die anderen Zuflucht gewährten. Menschen, die Ängstliche trösteten.
So sehr es heute immer noch verstört, wie lange die Behörden in Bayern brauchten, um den rassistischen Anschlag am OEZ als solchen zu benennen, so sehr geben einige Geschichten des 22. Juli 2016 Hoffnung, dass noch nicht alles zu spät ist.