Die Entscheidung des Deutschen Olympischen Sport Bundes (DOSB), dass sich München für die Olympischen Spiele 2036, 2040 und 2044 bewerben solle, bedeutet noch lange nicht, dass ich tatsächlich zum zweiten Mal Spiele in meiner Heimatstadt erleben werde. Wobei: Beim ersten Mal war ich zweieinhalb Jahre alt und nicht einmal in der Stadt, aus der meine Eltern für einen Spätsommerurlaub an die Adria geflohen waren. Und man weiß ja nie, wie lange man noch was erlebt, ich bin aber zuversichtlich, selbst 2044 noch nicht in einer Urne unter einem Baum oder Stein zu liegen.
Gegner der zweiten Spiele in München haben gewiss gute Argumente gegen das Projekt. In erster Linie drehen sich die um Kosten und Umweltzerstörung. Immerhin dürfte sich zweiteres in Grenzen halten, die meisten Sportstätten stehen schon und werden schon jetzt und danach weiter genutzt, andere sind nur temporär geplant, etwa Beachvolleyball am Marienplatz.
Den finanziellen Nutzen aber dürfe mal wieder das IOC haben, das auch in meinen Augen so hochgradig korrupt ist wie es Gewaltherrschern gegenüber Toleranz zeigt. Und nationalistische Kommerzspiele, wie wir in besonders gewaltigen Ausmaß von Los Angeles 1984 und vielleicht von der Neuauflage dort 2028 kennen, wollen wir Münchener ganz gewiss nicht. Schon gleich gar nicht im Jahr 36, 100 Jahre nach den Nazi-Spielen von Berlin. Wer weiß, wer in Deutschland im Jahr 2036 regiert? Auch die originalen Nazis hatten ihre Propagandaspiele von Demokraten auf dem Silbertablett serviert bekommen.
Ich war in dem demokratischen Prozess, ob München nach der gescheiterten Bewerbung für die Winterspiele 2018 noch einmal für 36, 40 und 44 seinen Hut in den Ring werfen sollte, gar nicht gefragt. Ich bin nicht in meiner Geburtsstadt gemeldet, seit 23 Jahren nicht mehr. Ich wohne und lebe in Gröbenzell, und lebe auch gerne dort. Die meisten meiner Mitbürger werden es mir aber verzeihen, wenn ich mich nach wie vor als Münchener sehe.
Ich weiß nicht, wie der Entscheid ausgefallen wäre, wenn auch die Bürger aus den Umlandgemeinden und -landkreisen hätten abstimmen dürfen. Vielleicht sogar noch deutlicher zugunsten eines Ja als zu NOlympia. Denn gerade wir hier im Vorort könnten davor profitieren, dass Stadt, Land und Bund endlich einmal Tempo machen beim notwendigen Ausbau der Infrastruktur. Man stelle sich nur vor: München bekommt im Jahr 2029 den Zuschlag für 2036, weil Mumbay zurückzieht, Doha in einer weiterhin zu gefährlichen Region liegt und Istanbul eine neue Stadtregierung bekommt, die dem Projekt ähnlich aufgeschlossen gegenübersteht wie die mutmaßliche neue Regierende Bürgermeisterin in Berlin. Und dann sagt die Bahn: „Äh, Moment, vor 2048 werden wir nicht mit der Sache nicht fertig. Sind ja auch nur Menschen.“
Insofern sehe ich den Zuschlag für das Bewerbungsrecht – mehr ist es ja nicht – als eine Aufforderung, längst fällige Projekte anzupacken oder laufende zu Ende zu bringen. Koste es, was es wolle.
Dem heute grinsenden bayerischen Ministerpräsidenten wird das einiges abfordern. Denn wie sein größter und vermutlich letzter innerparteilicher Konkurrent Manfred Weder sinngemäß erst vor ein paar Monaten sagte: In der Baustelle für die zweite Stammstrecke werde kaum noch ein Wort deutsch gesprochen. Wo wären wir aber ohne die Migranten und die ausländischen Facharbeiter? Die Baustelle würde niemals fertig werden.
Auch wenn ich hier polemisch zwei Dinge miteinander vermische: Es kann nicht sein, dass sich ein Markus Söder einen Ast abfreut, dass sein Spezialbeauftragter Alexander Dobridt mehr Vergrämungsmaßnahmen denn je gegen Menschen nicht deutscher Herkunft durchsetzt, wohingegen das Prestigeobjekt Olympia 2036, das junge Menschen aus aller Herren Länder einlädt, um sich im friedlichen Wettstreit zu messen, niemals ohne hart arbeitende Menschen nicht deutscher Herkunft, die womöglich einst ohne gültige Papiere eingereist waren, möglich sein könnte.
Wenn München, wenn Deutschland, wieder einmal Freunde aus aller Welt zu heiteren Spielen einladen möchte, darf es nicht zu einer dunklen Karikatur des Deutschlands von 1936 werden. Dass sich der 5. September 1972 in den Jahren 2036, 2040, 2044 nicht wiederholen darf, steht außer Frage.

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