Bald geht Orion wieder auf, das auffälligste der Wintersternbilder. Zusammen mit den Jagdhunden, in denen der hellste Stern unseres Nachthimmels steht, Sirius. Der hellste Stern nach der Sonne – jeweils, was die scheinbare Helligkeit betrifft. Bei der absoluten Leuchtkraft gibt es noch ganz andere Kaliber, weit draußen im All.
Hell wie der Vollmond wird – scheinbar – Orions linker Schulterstern Beteigeuze leuchten, Kandidat für eine Supernova. Das steht in astronomischen Maßstäben unmittelbar bevor, in menschlichen kann es noch Ewigkeiten dauern. Ewigkeiten, die die Menschheit selbst überdauern könnten.
Einen Teil der Helligkeitsschwankungen hatten Astrophysiker als Indiz gesehen, dass es bis zum großen Knall nur noch eine halbe Ewigkeit sein könnte, womöglich sogar in unserer Lebzeit würden wir eine längst erfolgte Explosion der Beteigeuze hell am Himmel leichten sehen – sogar tagsüber, solange Orion über dem Horizont steht. Doch haben sich diese periodischen Schwankungen der Leuchtkraft jüngst als Verschattung durch einen weit kleineren und dunkleren Begleitstern erwiesen – Beteigeuze B.
Orion und die Jagdhunde erzählen aus astrophysikalischer Sicht aber noch weit interessantere Geschichten als der Blaue Zwerg Sirius und der Rote Überriese Beteigeuze. Der Nebel etwa, zwischen Orions imaginierten Beinen – dort verdichtet sich Wasserstoff zu neuen Sternen, einige davon haben bereits die Fusion gezündet und werden in Milliarden Jahren noch leuchten, wenn alle anderen Orion-Sterne längst erloschen sind.
Als ob die alten Griechen etwas von der kosmischen Macht dieser Sterne, die nur wir in unserer irdischen Position als Zusammenhängen sehen, geahnt hätten, erzählte sie zu der auffälligen Konstellation eine tragische Geschichte.
Orion war dem nach ein begabter Jäger, der eines Nachts feststellen musste, dass nicht nur er es auf einen kapitalen Hirschen abgesehen hatte. In jeder Neumondnacht, von denen es bis zu 13 im Jahr geben kann, war auch die Mondgöttin Artemis auf der Jagd, sie hatte ja ausnahmsweise frei.
Orion und Artemis verliebten sich ineinander, was die göttliche Ordnung des Universums durcheinander brachte. Denn 28 oder 29 Nächte lang wollte Artemis nicht warten, um Orion wieder zu sehen. So vernachlässigte sie ihre Pflichten und ließ den Wagen, der die silberne Mondscheibe über den Himmel zog, öfter mal stehen.
Das entzürnte nicht nur Göttervater Zeus, sondern auch ihren Bruder Helios, den Sonnengott. Der hatte nie eine Schicht ausgelassen, sich aber mal von seinem unehelichen und nur halbgöttlichen Sohn Phaethon den Sonnenwagen klauen lassen, was auch nicht gut ausging.
Helios beschloss, seiner Schwester einen fiesen Streich zu spielen. Den in der Dämmerung im Meer badenden Orion blendete er mit einem Strahl, so dass der auf seine göttliche Geliebte wartende in den Sand sank. Helios indes zog seine Schwester beim anstehenden Schichtwechsel auf, sie würde doch diesen in der Dämmerung liegenden Holzhaufen, der aus der Ferne kaum zu erkennen war, mit ihren Pfeilen niemals treffen.
Artemis, auch Göttin der Jagd, ließ sich nicht zweimal bitten – und spaltete Orion den Schädel, ohne etwas zu wissen.
Nachdem sie den Jäger vergeblich über Stunden gesucht hatte, fand sie seinen Leichnam und wurde sich bewusst, was da passiert war. Der gar nicht mal so allmächtige Göttervater Zeus fand zwar ihre Arbeitsverweigerung der letzten Zeit gar nicht gut, aber den fiesen Trick des Helios auch nicht. Zum Leben wiedererwecken konnte er den sterblichen Orion nicht mehr, ihn aber als Sternbild an den Himmel versetzen. Von seinen treuen Jagdhunden begleitet, den Schild gegen den Taurus hebend, die Keule schwingend, aber ohne Kopf. Den hatte Artemis‘ Pfeil komplett zerdeppert.
Astrologie ist keine Wissenschaft, des „Logos“ zum Trotz. Dennoch sind die Mythen um die Sterne und die Bilder, die Menschen einst in ihnen sahen immer wieder vergnüglich und nicht zuletzt eine Anregung, wirklich tiefer ins All zu schauen.
Die Geschichte um Artemis, Helios, Orion und Zeus ist an sich Stoff für eine Oper oder wenigstens einen von mehreren Akten einer solchen, die sich um den Himmel der Griechen dreht. Der nur knapp über fünf Minuten lange Song streift die Geschichte nur am Rande wie einer von Artemis‘ Pfeilen, wenn sie absichtlich nur einen Kratzer verursachen wollte.

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